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Seitan am Spieß: Wie Berlin den veganen Döner erfindet – und ob er was taugt

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Seitan am Spieß: Wie Berlin den veganen Döner erfindet – und ob er was taugt

Photo: veganer döner seitan spieß imbiss gemüse berlin, via www.edeka.de

Als Kemal den ersten rein pflanzlichen Spieß in seinen Laden hängte, dachten einige Nachbarn, er habe übertrieben. Drei Jahre später ist der Seitan-Döner sein meistverkauftes Produkt – auch bei Leuten, die Fleisch essen. 'Die kommen und sagen: mach mal den grünen', erzählt er lachend. 'Der grüne. Das ist jetzt eine Kategorie.'

Berlin hat den Döner erfunden, wie man so schön sagt. Jetzt erfindet die Stadt ihn neu – ohne Tier, aber mit aller Ernsthaftigkeit, die diese Stadt nun mal an den Tag legt.

Der Spieß, der keiner sein darf

Ein echter Döner lebt vom Spieß: der Stapel, die Rotation, das Abschneiden mit dem langen Messer, die knusprigen Ränder. Genau daran mussten die veganen Pionier:innen arbeiten. Ein Seitan- oder Gemüseloaf verhält sich anders – er trocknet schneller aus, er wird nicht automatisch knusprig, er hat kein Fett, das sich selbst brät.

Die Lösung vieler Läden: eigene Rezepturen, oft in wochenlanger Testphase. Ein Wedding-Imbiss presst Seitan mit Aubergine und Gewürzmarinade in Schichten, sodass beim Abschneiden eine Art 'Röstkruste' entsteht. Andere setzen auf Gemüseloafs aus Knolle und Blumenkohl, getränkt in einer Marinade, die an Iskender-Klassiker erinnert. Die Ergebnisse sind verblüffend nah dran – und manchmal bewusst anders.

Soße ist das eigentliche Geheimnis

Wer glaubt, das Fleisch sei der Kern des Döners, hat nicht aufmerksam gegessen. Der Döner lebt von der Soße. Kräuter-, Knoblauch- und die scharfe rote Variante sind längst vegan oder lassen sich es machen. Ein Betreiber aus Neukölln sagt: 'Bei uns ist die Soße die Hauptfigur. Das 'Fleisch' ist nur der Tänzer.'

Genau deshalb funktioniert der vegane Döner in Berlin besser als überall sonst. Diese Stadt hat eine Soßenkultur, die über jede Proteinfrage erhaben ist.

Die Stammgäste: Skeptiker, die blieben

Am interessantesten sind nicht die Veganer:innen – die haben längst gefunden, was sie suchen. Spannend sind die anderen. Der Handwerker, der seit zwanzig Jahren denselben Laden frequentiert und jetzt neugierig wurde. Die Touristen, die gar nicht merken, dass da kein Kalb drin ist. Der Beschwipste um zwei Uhr nachts, der auf die Frage 'mit Fleisch?' antwortet: 'Hauptsache Soße.'

Ein Imbissleiter erzählt, dass rund die Hälfte seiner veganen Döner an Kunden geht, die sonst Fleisch essen. 'Das ist die eigentliche Revolution. Nicht die Verzichtenden – die Neugierigen.'

Trend oder Zukunft?

Wir haben es uns abends in drei Läden gestellt und gefragt: Ist das nur eine Welle, die wieder abebbt? Die Betreiber selbst sind entspannt. Sie sprechen nicht von Mission, sondern von Sortimentserweiterung. Wer zusätzlich einen veganen Spieß hängt, erschließt neue Kundschaft, ohne die Stammgäste zu verlieren. Das ist kein Kulturkampf, das ist Unternehmertum – Berliner Art: pragmatisch, unprätentiös, lecker.

Und zugegeben: Der vegane Döner wird besser, je länger die Szene experimentiert. Was vor Jahren noch nach Kompromiss schmeckte, schmeckt heute nach Entscheidung. Nach einer Alternative, die man wählt, weil sie gut ist – nicht weil man muss.

Unser Fazit nach drei Spießen und viel Knoblauchsoße

Der vegane Döner ist kein Ersatz. Er ist eine eigene Sorte, mit eigenen Stärken: leichter, würziger, oft überraschend saftig. Und er hat etwas, das ihm niemand mehr nehmen kann – er ist längst Teil der Berliner Nachtkultur. Wer um drei Uhr morgens vor einem Laden steht und zwischen klassischem Spieß und 'dem grünen' wählt, hat verstanden, worum es geht: nicht um Dogma, sondern um Hunger, Neugier und die Freiheit, sich nachts in Kreuzberg etwas Gutes zu tun.

Der Spieß dreht sich weiter. Jetzt eben auch pflanzlich.

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